Der Tsumami

Die große Angst vor dem Unbekannten versus das Sein im Jetzt

Ich möchte gern etwas mit Euch teilen, was für mich persönlich eine sehr tiefe Erfahrung war und mir so viel klargemacht hat.

 

Eines Mittags, am 26. Dezember 2004, waren eine sehr gute Freundin und ich zusammen in einem der höheren Stockwerke des Kali-Tempels und meditierten.

Zuerst hörten wir die ganz normalen Geräusche vom Tempel herauf schweben, das Singen von verschiedenen Bhajans und die typischen Geräusche der vielen Menschen, die sich unter uns zum Darshan eingefunden hatten… es war eine absolut unbeschreibliche Wonne genau über diesem ganzen Geschehen meditieren zu dürfen.

Man konnte in Mitten dieser einfach göttlichen Energie sein und hatte doch genug Platz und die Ruhe zum ungestörten Meditieren hier oben in diesem Zimmer.

Es war einfach himmlisch.

Aber auf einmal kippte die Stimmung schlagartig um!

Man hörte plötzlich laute Rufe und sogar aufgeregte Schreie und auch die ganze Energie war auf einmal gar nicht mehr so festlich feierlich, sondern pure Aufregung schwappte da von unten zu uns herauf.

Da öffneten wir beide ungefähr gleichzeitig unsere Augen, die wir zum Meditieren geschlossen hatten, und sahen uns fragend und etwas ungläubig an. Was war denn da auf einmal los?!?

Wir standen also ziemlich schnell auf und gingen aus dem Zimmer, in dem wir gewesen waren, zu einem Fenster, das auf den Innenhof zwischen dem Kali-Tempel und dem neuen hohen Gebäude mit den ganzen Apartments hinausging.

Dieser Moment war wirklich das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht meinen Augen traute!!!

Der ganze Innenhof war von grau braunen wirbelnden Wassermassen bedeckt!!!

Und man sah auch ein paar wenige, die sich ihren Weg durch das knie- bis hüfthohe Wasser bahnten.

Wie kam denn das ganze Wasser hierher!!!

Jetzt machten auch die ganzen Schreie einen Sinn!

Die Welle des Tsunami hatte die indische Küste in der Höhe des Ashrams getroffen!

(Auch wenn wir das erst viel später erfahren sollten, denn in diesem Moment wusste niemand was eigentlich los war und es sollte auch noch viele Stunden dauern bis die Netze der Kommunikation wieder soweit hergestellt sein würden, um die Nachrichten und Erklärungen hierzu hören zu können)

Momentan wusste man nur, dass auf einmal eine riesige Welle wie aus dem Nichts gekommen war und die ganzen Hütten der Fischerleute, die in der Nähe des Ashrams wohnten, niedergemacht hatte und schließlich auch in das Ashramgelände vorgedrungen war, wenn auch da schon in etwas abgeschwächter Form…

(Hier nur kurz zur Erklärung, für diejenigen, die nicht die geografische Lage von Amritapuri kennen.

Der Ashram befindet sich auf einer schmalen sehr sehr lang gezogenen Landmasse, man könnte fast sagen Halbinsel, die sich kilometerlang parallel zum richtigen Festland erstreckt, getrennt vom Festland durch die für Kerala berühmten Backwaters, Flüsse, die sich halb mit Salz und halb mit Süßwasser vermischt kreuz und quer an der ganzen Küste von Kerala entlang erstrecken.)

Später erfuhr man auch, dass der Tsunami viel mehr die Ostküste Indiens getroffen hatte als die Westküste, an der der Ashram von Amma lag, aber dass der Teil der Westküste, der am meisten betroffen war, genau derjenige war, zu dem auch Amritapuri zählte…)

Die Welle war anscheinend über diese ganze Halbinsel hinübergeschwappt und war dann in den Backwaters, dem sagen wir einfach Fluss, den man zum Festland überqueren musste, mehr oder weniger zum Ausrollen gekommen.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr alle Details, wie ich überhaupt von dem Fenster, an dem ich ungläubig gestanden hatte, nach unten in den Tempel gelangte. Dort hörten wir dann, dass Amma die Anweisungen gegeben hatte, dass alle Ashrambewohner sofort zu ihren Zimmern gehen, ihren Pass holen und schnellstmöglich zum Ufer des Flusses gehen sollten, um dort mit den dort immer zur Verfügung stehen kleinen bis mittelgroßen Boten ans andere sichere Ufer überzusetzen.

Ich tat also wie geheißen, vereinbarte noch mit meiner Freundin sie sofort am Bootsanlegeplatz zu treffen und stürmte zum 8. Stock zu meinem Apartment hoch.

(Die Fahrstühle waren natürlich aufgrund des immer noch etwa kniehochstehenden Wassers abgeschaltet worden, falls sie überhaupt an dem Tag gerade einmal funktioniert hatten).

Es ist schon faszinierend wie der menschliche Verstand arbeitet oder vielleicht besser gesagt, wie der tierische Instinkt in solchen Momenten aus den Tiefen zum Vorschein kommt.

Ich stopfte meinen Pass, meinen Winny (meinen Lieblingsteddybär, mit dem ich alle Reisen unternommen hatte, seitdem ihn mir meine Mutter 2001 vor meiner ersten Indienreise geschenkt hatte) und alles was ich an Essbarem in meinem Zimmer hatte in meinen Rucksack.

Ich zog mir hektisch den komplett mit braunem Wasser vollgesogenen ursprünglich weißen Rock aus, mit dem ich durch das Wasser bis zu dem Gebäude gewatet war, und tauschte ihn mit einer sauberen, trockenen Hose aus.

Mir war zwar ziemlich klar, dass sie nicht lange sauber oder gänzlich trocken bleiben würde, aber eine Hose schien mir doch praktischer unter den bestehenden Umständen.

(Dabei möchte ich anmerken, dass alle meine Kleider zu diesem Zeitpunkt weiß waren, was zwar in den darauffolgenden Tagen nicht mehr wirklich erkenntlich sein sollte, aber ursprünglich waren sie zu diesem Zeitpunkt weiß…)

Ansonsten griff ich mir noch schnell ein langärmliges T-Shirt, um etwas zusätzlich zu dem weißen T-Shirt, das ich trug, dabeizuhaben, falls es kühler werden sollte, und das kleine Textbuch mit dem Kali-Lied, das ich so heiß und innig liebte und stürmte aus meiner Tür wieder nach unten.

Als ich dann meine Freundin am Bootsanleger traf, waren wir definitiv nicht die einzigen, die Amma’s Anweisungen Folge leisteten.

Hier waren bereits sehr sehr viele Menschen, die alle auf die andere Seite des Flusses wollten.

(Mittlerweile hat Amma eine Brücke erbauen lassen, damit eine solche Evakuierung in der Zukunft viel einfach er wäre, obwohl ich hoffe, dass so etwas nie wieder nötig sein muss…)

Es herrschte ein ziemliches Chaos am Ufer, es gab viel zu wenig Boote, da normalerweise natürlich nicht der ganze Ashram auf einmal zur anderen Seite des Flusses übersetzen wollte.

Als wir an der Reihe waren, war es eines der mittelgroßen mit Motor betriebenen Boote, in das wir einsteigen durften.

Meine Freundin und ich quetschten uns also eng zusammen auf eine der Holzbänke hinten im Boot, fassten uns an den Händen und begannen gemeinsam das Lokah Samastah Sukhino Bhavantu Mantra zu rezitierten (Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein und in Frieden leben.)

Währenddessen strömten immer mehr Menschen auf das doch ziemlich kleine Boot, das dadurch recht heftig ins Schwanken geriet.

Viele dieser Menschen schrien hektisch durcheinander oder weinten fassungslos bis hysterisch und klammerten sich aneinander.

Es war wirklich ein riesiges Chaos und Gezeter, das sich da gerade vor unseren Augen abspielte. Das Boot war schnell voll, und der Bootsfahrer stieß uns vom Ufer ab und begann mit Hilfe des Motors in Richtung des anderen Ufers zu steuern.

Irgendwann in diesen Momenten geschah es, dass ich mich auf einen Schlag in diesem absolut unbeschreiblichen Frieden wiederfand!

(Heute rückblickend weiß ich, dass ich in diesem Moment und in den darauffolgenden Tagen meine erste Satori erlebte – ich persönlich verstehe Satori als den vorübergehenden Zustand der Erkenntnis des Alles und Nichts, des Einen, der Realisation… aber eben noch nicht das permanente komplette Auflösen in Dem…)

Es war nicht ein Schock, wie ihn viele Menschen vielleicht in außerordentlichen Situationen manchmal erfahren.

Nein, es war absoluter Frieden, so unbeschreiblich, so wunderschön – süß, still und doch voller Geräusche… es war pures Sein.

Das Leben geschah um mich herum so wie es eben gerade geschah, es floss ohne jeden Widerstand ohne jede Bewertung des Verstandes. Man könnte vielleicht sagen pures, wahres, reines Sein war – geschah – und wurde aus der Perspektive der Augen von Anushree wahrgenommen und gelebt, aber ohne, dass irgendetwas der Person Anushree sich diesem reinen Fließen entgegenstellte.

Auch Anushree selbst war Teil dieses Fließens, das Lebens selbst geschah als Anushree und als alles was gerade passierte.

Da war auch absolutes Mitgefühl und Verständnis für alle Menschen, die gerade um mich herum vor Verzweiflung fast auseinandergerissen zu werden schienen, jede Bewegung des Bootes, jedes Geräusch wurde wahrgenommen, aber es war einfach das, was gerade ist – “Punkt”.

Kein mentaler Kommentar dazu, keine Angst meinerseits, was das jetzt wohl alles für uns und für mich bedeuten würde, gar nichts.

Es passierte einfach ein Moment nach dem anderen und danach wieder ein neuer Moment – ohne Widerstand.

Dieser Zustand hielt wie gesagt auch in den folgenden Stunden und Tagen noch an, während ich auf Amma’s Geheiß zum Beispiel Gemüse putzte und zerstückelte für das ganze Essen, das Amma innerhalb von nur 5 Stunden für die ca. 20.000 Menschen bereitstellte, die sich auf einmal ohne Wohnung, ohne Essen und ohne jede Lebendgrundlage sahen.

Wir alle wurden in dem Rohbau untergebracht, der später ein Gebäude der Amrita School werden sollte.

Wir konnten auf dünnen Bastmatten in den halb fertigen Klassenzimmern auf dem Zementboden schlafen und Gott sei Dank gab es sogar bereits funktionierende Wasseranschlüsse.

Hier gibt es noch ein paar weitere Geschehnisse innerhalb der folgenden Tage, über sie ich gerne ein andermal berichten möchte, aber für das, worauf ich in dem Titel ” Die große Angst vor dem Unbekannten versus das Sein im Jetzt” hinweisen möchte, mache ich jetzt erst einmal einen größeren Zeitsprung, möchte aber nochmal darauf hinweisen, dass während dieser ganzen Tage so viel Frieden in mir war und einfach alles eins nach dem anderen passierte – alles – war – einfach.

Dann ein paar Monate später sagte Amma etwas in einem ihrer Satsangs, was mich monatelang beschäftigen sollte:

Sie sagte mehr oder weniger, dass sie eine schwarze/ dunkle Wolke über der Erde sah, und dass wir alle für Mutter Erde, Mutter Natur beten sollten, damit sich das Unheil abwenden möge, und wir nicht mehr solcher Naturkatastrophen erleben müssten.

Ich möchte hier aber jetzt gar nicht so sehr auf die natürlich wichtige Klimadiskussion eingehen. Vielmehr möchte ich meinen Fokus auf den menschlichen Verstand lenken und wie er anscheinend auf bestimmte Situationen und Sätze reagieren kann.

Für mich löste dieser Satz von Amma wahnsinnig viele Ängste aus damals!

Was würde wohl geschehen???!!! Oh Gott!!!

So viel Angst vor dem Ungewissen, vor dem Unbekannten, kam aus den tiefsten Tiefen meines Seins zum Vorschein!

Ich lebte mit dieser Angst dann wirklich einige Monate, nicht so extrem wie andere, die auch Amma’s Satsang verfolgt hatten, von denen ich wusste, dass sie sich sogar Vorräte angelegt hatten, um bis zu 1-2 Jahre damit überstehen zu können, aber trotzdem war ich definitiv sehr besorgt, und von Zeit zu Zeit schlug diese allgemein präsente Sorge dann in Panik oder starke Angst um.

Dann eines Tages, ich weiß nicht mehr warum oder durch welchen Auslöser, erkannte ich auf einmal etwas für mich absolut Wichtiges!

ICH KANN NUR ANGST HABEN VOR ETWAS IN DER ZUKUNFT!

So einfach das jetzt klingen mag, für mich war und ist es eine Offenbarung!

Ich kann nur dann in Angst, Sorge und Ungewissheit sein, wenn ich mit meinen Gedanken in der Zukunft bin!

Denn es ist genau so, dass ich eben niemals 100% sagen werden kann, was auch nur im allernächsten Augenblick sein wird – da ist nichts Substanzielles, was mich verankert, erdet, und dadurch auch eine gewisse Sicherheit geben könnte, weil es ja eben genau noch nicht hier und jetzt wirklich substanziell da ist!

Es sind nur meine Gedanken darüber da, meine Sorgen darüber, was eventuell passieren könnte!

Wenn ich aber diesen Schritt zurück zu mir gehe, zu mir im Hier und Jetzt, aus der Zukunft, in die ich gedanklich nach vorne gerannt bin, wieder zurück zu der Gegenwart, dann ist da keine Angst mehr!

Das soll nicht heißen, dass ich dann nicht im Jetzt Schritt für Schritt gewisse Dinge tun kann, um z.B. für eventuelle Ereignisse in der Zukunft vorbereitet zu sein, falls der Herzensimpuls dazu da sein sollte gewisse Dinge zu tun. Aber das ganze Panische, ungeerdete Tun aus einer Angst heraus, die in diesem Moment nur auf Gedanken basiert – das fiel alles weg.

(Natürlich kann ich immer Dinge im Hier und Jetzt tun, auch wenn ich sozusagen etwas für die Zukunft vorbereite. Jeder ganz normale Essenseinkauf ist genau das, ich kaufe am Freitag Essen ein, weil ich es wahrscheinlich irgendwann am Wochenende brauchen werde und mir damit dann damit etwas Leckeres kochen können möchte.)

Für mich persönlich war und ist es noch immer höchst faszinierend, dass ich ja in genauso einer Naturkatastrophe war und dort den tieften Frieden erlebte und von Moment zu Moment einfach die Schritte passieren ließ, die einfach gerade dran waren innerhalb dieser Katastrophe und dann doch nur wenige Monate später in absolute Panik verfallen konnte darüber, was mir vielleicht irgendwann einmal zustoßen könnte…

Damit möchte ich auf keinen Fall propagieren, dass alles immer für die Perspektive der sich getrennt fühlenden Person “gut” ausgehen wird. Es ist absolut vernünftig Schritte zu unternehmen in bestimmten Situationen, wie z.B. in dem Geschehen rund um den Coronavirus, dass ich momentan noch mehr als sonst auf Hygiene achten kann etc. Aber in absolute Panik zu verfallen bedeutet für mich seit dieser Erkenntnis, dass ich am besten einfach mal ein zwei Atemzüge innehalte und mich wieder ins Hier und Jetzt zurückhole – und vom Hier und Jetzt aus betrachtet, im Herzen verankert dann entscheide, ob ich eventuell gewisse Schritte unternehmen möchte oder nicht.

Denn auch wenn man doch vielleicht sogar wirklich krank werden sollte, sei es jetzt durch diesen bestimmten Virus oder irgendeine andere Krankheit, es bleibt immer dabei, ein Schritt nach dem anderen passiert einfach, ich werde z.B. krank, also kommt der nächste Schritt, was kann ich selber für meine Genesung tun, seien es einfach erstmal der Gang zur Apotheke oder zum Arzt zu gehen etc.

alles ein Schritt nach dem anderen, von Moment zu Moment…